Lektion 1.1

Sie sind nicht allein

Was die Forschung über die Belastung von Eltern autistischer Kinder und von Kindern mit ADHS weiß und warum diese Belastung kein Zeichen von Versagen ist.

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Das Video zu dieser Lektion folgt.

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Bevor wir über Schule sprechen, möchte ich über Sie sprechen. Denn hinter jedem Kind, das in diesem Kurs vorkommt, steht mindestens ein Erwachsener, der sehr viel leistet. Vermutlich auch heute schon.

Sie haben Termine koordiniert, Mails an die Schule geschrieben, einen schwierigen Morgen aufgefangen. Vielleicht haben Sie nach einem anstrengenden Tag noch erklärt, getröstet und geplant. Vieles davon sieht niemand. Ich möchte es heute einmal aussprechen: Das ist eine echte Leistung.

Und manchmal ist es einfach zu viel. Wenn Sie sich erschöpft fühlen, dann hat das Gründe, und die Forschung kennt sie gut.

Es gibt große Auswertungen über viele Studien, sogenannte Metaanalysen. Sie vergleichen Eltern von Kindern im Autismus-Spektrum mit anderen Eltern. Das Ergebnis ist deutlich: Eltern autistischer Kinder erleben im Durchschnitt viel mehr Erziehungsstress. Für Eltern von Kindern mit ADHS gilt das ebenfalls. Der Stress ist dort höher, wenn die Schwierigkeiten des Kindes stärker sind oder weitere Probleme dazukommen. Mütter und Väter unterscheiden sich dabei kaum.

Eine weitere Auswertung hat sich die seelische Gesundheit von Eltern autistischer Kinder angesehen. Rund ein Drittel hatte zeitweise eine Depression oder eine Angststörung. Die Zahlen schwanken je nach Studie. Aber sie zeigen: Wer in dieser Lage an seine Grenzen kommt, ist in guter Gesellschaft.

Was folgt daraus? Für mich vor allem eines. Ihre Belastung ist eine Folge der Anforderungen, die auf Sie zukommen. Sie ist kein Beweis, dass Sie etwas falsch machen. Die britische Leitlinie zu ADHS sagt das sehr klar: Wenn Eltern ein Elterntraining empfohlen wird, unterstellt das keine schlechte Erziehung. Es erkennt an, dass Ihr Alltag mehr verlangt als üblich.

Ich weiß, dass dieser Satz nicht alle Zweifel wegnimmt. Viele Eltern erzählen uns, dass sie sich abends fragen, ob sie zu streng waren, zu nachgiebig, zu spät dran. Aus unserer Arbeit in Schulen erleben wir: Die Eltern, die sich diese Fragen stellen, sind fast immer die, die sich besonders viel kümmern.

Hier gibt es auch eine ermutigende Spur aus der Forschung. Eltern, die freundlich mit sich selbst umgehen, berichten weniger Stress und weniger Niedergeschlagenheit. Das ist bisher ein Zusammenhang, kein Beweis. Aber es lohnt sich, das auszuprobieren. Gerade in den Momenten, in denen Sie sich selbst Vorwürfe machen.

Und noch etwas ist gut belegt. Es gibt Programme für Eltern, zum Beispiel mit Achtsamkeit, die Stress, Angst und Niedergeschlagenheit verringern. Am besten wirkten Programme ab etwa acht Wochen. Darüber sprechen wir später im Kurs ausführlicher, in der Lektion über Ihre eigene Kraft.

Wenn Sie über Wochen kaum schlafen, sich dauerhaft niedergeschlagen fühlen oder keine Freude mehr spüren, dann ist das ein Grund, mit Ihrer Hausärztin oder einer Psychotherapeutin zu sprechen. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Depression und Angst sind häufig und gut behandelbar.

Ein letzter Gedanke. Ihre Kraft ist kein Luxus. Sie gehört zum Plan für Ihr Kind dazu, genauso wie ein gutes Gespräch mit der Schule.

Ihr Schritt für diese Woche ist klein. Wenn Sie merken, dass Sie sich die Schuld geben, sagen Sie sich einen Satz: Das ist viel, und ich tue, was ich kann. Sie dürfen ihn auch aufschreiben und an den Kühlschrank hängen.

Was die Forschung über die Belastung von Eltern weiß

Eltern autistischer Kinder erleben im Durchschnitt deutlich mehr Erziehungsstress als Eltern von Kindern ohne Autismus. Der Unterschied ist groß. Auch Eltern von Kindern mit ADHS erleben mehr Erziehungsstress. Er ist höher, wenn die Symptome des Kindes stark sind, wenn Verhaltensprobleme dazukommen oder wenn die Eltern selbst niedergeschlagen sind. Mütter und Väter unterscheiden sich kaum. Im Vergleich mit Eltern anderer Kinder, die wegen seelischer Schwierigkeiten vorgestellt wurden, war der Stress bei ADHS nicht höher. Das spricht dafür, dass die Belastung vor allem mit den Anforderungen im Alltag zusammenhängt.

Gut belegt: Quellen anzeigen

Eine Metaanalyse mit 31 Studien und über 9.000 Eltern autistischer Kinder fand: Rund 31 Prozent hatten eine depressive Störung, rund 33 Prozent eine Angststörung. Die Ergebnisse der einzelnen Studien schwanken stark. Die Größenordnung zeigt aber, wie verbreitet solche Belastungen sind.

Belegt: Quellen anzeigen

Ihre Belastung ist eine Folge der Anforderungen, kein persönliches Versagen.

Gut belegt: Quellen anzeigen

Dafür gibt es starke Forschung, zum Beispiel Leitlinien oder mehrere übereinstimmende Übersichtsstudien.

Was Ihnen guttun kann

Eltern, die mit sich selbst freundlich und verständnisvoll umgehen, berichten weniger Niedergeschlagenheit, weniger Erziehungsstress und mehr Wohlbefinden. Das zeigt eine Auswertung von 15 Studien. Diese Studien messen einen Zusammenhang zu einem Zeitpunkt. Ob ein Training in Selbstmitgefühl die Belastung senkt, ist damit nicht bewiesen. Praktisch heißt das: Probieren Sie aus, in schweren Momenten so mit sich zu sprechen, wie Sie mit einer guten Freundin sprechen würden, und beobachten Sie, ob es Ihnen hilft.

Erste Hinweise: Quellen anzeigen

Es gibt erste Studien, aber noch wenige. Probieren Sie es aus und beobachten Sie, ob es Ihrem Kind hilft.

Programme mit Achtsamkeit oder mit der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) senkten in mehreren Metaanalysen Stress, Angst und Niedergeschlagenheit bei Eltern von Kindern mit Entwicklungsbesonderheiten. Die Effekte sind klein bis mittel. Programme ab etwa acht Wochen wirkten besser als kürzere.

Belegt: Quellen anzeigen

Viele Eltern erleben den Austausch mit anderen Eltern als sehr wertvoll. Eine große Übersichtsarbeit konnte aber keine klare messbare Wirkung auf Belastung oder Lebensqualität zeigen, und auch keinen Schaden. Wenn Ihnen ein solcher Austausch guttut, ist das ein guter Grund, ihn zu nutzen.

Umstritten: Quellen anzeigen

Fachleute sind sich hier nicht einig. Wir zeigen Ihnen beide Seiten.

Mehr dazu finden Sie in der Lektion Ihre eigene Kraft.

Wann Sie für sich Hilfe holen sollten

Wenn Sie sich über mehr als zwei Wochen niedergeschlagen, ängstlich, gereizt oder erschöpft fühlen, kaum schlafen oder keine Freude mehr empfinden, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin. Depression und Angst sind bei Eltern in Ihrer Lage häufig, und sie sind gut behandelbar.

Wenn Sie einfach mit jemandem reden möchten:

  • Elterntelefon der Nummer gegen Kummer: 0800 111 0 550, kostenfrei. Die Zeiten stehen auf nummergegenkummer.de.
  • TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, kostenfrei, Tag und Nacht.

Ihr Schritt für diese Woche

Wenn Sie merken, dass Sie sich die Schuld geben, sagen Sie sich einen Satz: Das ist viel, und ich tue, was ich kann. Schreiben Sie ihn auf einen Zettel und hängen Sie ihn dorthin, wo Sie ihn morgens sehen. In der nächsten Lektion geht es um die Diagnose Ihres Kindes und darum, was sie heute bedeutet.

Das Wichtigste

  • Eltern von Kindern mit Autismus oder ADHS erleben im Durchschnitt deutlich mehr Erziehungsstress als andere Eltern.
  • Diese Belastung ist eine Folge hoher Anforderungen, kein Zeichen, dass Sie etwas falsch machen.
  • Rund ein Drittel der Eltern autistischer Kinder hat zeitweise eine Depression oder eine Angststörung. Beides ist häufig und gut behandelbar.
  • Wer freundlich mit sich selbst umgeht, ist in Studien weniger belastet.
  • Ihre Kraft gehört zum Plan für Ihr Kind dazu.

Kurz nachgedacht

Freiwillig. Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern ums Erinnern.

  1. Was zeigen die großen Auswertungen über den Stress von Eltern autistischer Kinder und von Kindern mit ADHS?

  2. Was bedeutet es, wenn eine Ärztin Ihnen ein Elterntraining empfiehlt?

Ihr nächster Schritt

Ein Plan nach dem Muster „Wenn …, dann …“ macht es leichter, etwas im Alltag wirklich zu tun.

  • Wenn ich merke, dass ich mir die Schuld gebe, dann sage ich mir: Das ist viel, und ich tue, was ich kann.

Zum Nachdenken

Quellen dieser Lektion (9)
  1. Hayes, S. A., Watson, S. L. (2013) The impact of parenting stress: A meta-analysis of studies comparing the experience of parenting stress in parents of children with and without autism spectrum disorder Journal of Autism and Developmental Disorders, 43(3), 629-642
  2. Theule, J., Wiener, J., Tannock, R., Jenkins, J. M. (2013) Parenting stress in families of children with ADHD: A meta-analysis Journal of Emotional and Behavioral Disorders, 21(1), 3-17
  3. Schnabel A, Youssef GJ, Hallford DJ, Hartley EJ et al. (2020) Psychopathology in parents of children with autism spectrum disorder: A systematic review and meta-analysis of prevalence Autism 24(1):26-40
  4. National Institute for Health and Care Excellence (2018) Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NICE guideline NG87) NICE, aktualisiert 13.09.2019
  5. Ozturk C, Guzel HS (2026) Self-Compassion and Psychological Health of Parents: A Meta-Analysis Focused on Some Neurodevelopmental Disorders J Autism Dev Disord 56(10):3828-3843
  6. Chua JYX, Shorey S (2022) The Effect of Mindfulness-Based and Acceptance Commitment Therapy-Based Interventions to Improve the Mental Well-Being Among Parents of Children with Developmental Disabilities: A Systematic Review and Meta-Analysis J Autism Dev Disord 52(6):2770-2783
  7. Yang T, Wang Y, Xu P, Tao Y (2026) The Effectiveness of Mindfulness-Based Interventions in Improving the Mental Health of Parents of Children with Intellectual or Developmental Disabilities: A Systematic Review and Meta-Analysis J Autism Dev Disord 56(8):2977-2991
  8. Qin Z, Lan J, He H, Jun Y (2026) The Efficacy of Acceptance and Commitment Therapy for Reducing Anxiety in Parents of Children With Special Needs: A Meta-Analysis Res Child Adolesc Psychopathol 54(1):23
  9. Sartore GM, Pourliakas A, Lagioia V (2021) Peer support interventions for parents and carers of children with complex needs Cochrane Database Syst Rev 12:CD010618
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Inhaltlicher Stand: 2026-10-18